Montagsgedicht: Johann Wolfgang von Goethe – Der Rattenfänger


Ja, auch der liebe Goethe hat seine Gedanken zum Wahrzeichen meiner neuen Heimat niedergeschrieben.

Der Rattenfänger

Ich bin der wohlbekannte Sänger,
Der vielgereiste Rattenfänger,
Den diese altberühmte Stadt
Gewiß besonders nötig hat;
Und wären’s Ratten noch so viele,
Und wären Wiesel mit im Spiele;
Von allen säubr‘ ich diesen Ort;
Sie müssen mit einander fort.

Dann ist der gutgelaunte Sänger
Mitunter auch ein Kinderfänger,
der selbst die wildesten bezwingt,
Wenn er die goldnen Märchen singt.
Und wären Knaben noch so trutzig,
Und wären Mädchen noch so stutzig,
In meinen Saiten greif‘ ich ein,
Sie müssen alle hinter drein.

Dann ist der vielgewandte Sänger
Gelegentlich auch Mädchenfänger;
In keinem Städtchen langt er an,
Wo er’s nicht mancher angetan.
Und wären Mädchen noch so blöde,
Und wären Weiber noch so spröde;
Doch allen wird so liebebang
Bei Zaubersaiten und Gesang.

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Montagsgedicht: Charlie Chaplin – Selbstliebe


charlieAn seinem 70. Geburtstag, am 16.04.1956 trug Charlie Chaplin folgendes Gedicht vor. Ein Gedicht, das zum Nachdenken anregt.

Als ich begann mich selbst zu lieben, erkannte ich, dass Schmerz und emotionales Leid nur Warnzeichen dafür sind, dass ich dabei war gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich, das ist Authentizität.

Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ich verstanden, wie sehr es jemanden verletzen kann, wenn ich versuche ihm meine Wünsche aufzuzwingen, obwohl ich wusste, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war und die Person nicht bereit dafür war, obgleich ich selbst diese Person war.
Heute nenne ich es Selbstachtung. Weiterlesen

Montagsgedicht: Hoffmann von Fallersleben – Wie freu‘ ich mich der Sommerwonne!


Endlich haben wir das erste schöne und heiße Sommerwochenende erleben dürfen und hoffentlich kommen da noch ein paar mehr. Für alle Sommergenießer hier ein altes, klassisches Sommergedicht:

Wie freu‘ ich mich der Sommerwonne,
Des frischen Grüns in Feld und Wald,
Wenn’s lebt und webt im Glanz der Sonne
Und wenn’s von allen Zweigen schallt!

Ich möchte jedes Blümchen fragen:
Hast du nicht einen Gruß für mich?
Ich möchte jedem Vogel sagen:
Sing,  Vöglein,  sing und freue dich! 

Die Welt ist mein, ich fühl es wieder:
Wer wollte sich nicht ihrer freu’n,
Wenn er durch frohe Frühlingslieder
Sich seine Jugend kann erneu’n?

Kein Sehnen zieht mich in die Ferne,
Kein Hoffen lohnet mich mit Schmerz;
Da wo ich bin,  da bin ich gerne,
Denn meine Heimat ist mein Herz.

 

Montagsgedicht: Ludwig Pfau – Sehnsucht


Sehnsucht

Wie möcht‘ ich hoch mich schwingen
In die weite Nacht hinein!
Mit Fliegen und mit Singen
Durch alle Lüfte dringen,
An deiner Brust zu sein!
Mein Lieb auf ewig dein,
Ja dein!

Du mußt jetzt einsam gehen
Im dunkelstillen Hain;
Die Lüfte leise wehen,
Du wirst sie wohl verstehen,
Sie flüstern: er ist dein!
Du bist auf ewig sein,
Ja sein!

Hochoben wandeln Sterne,
Die blicken segnend drein;
O, bist du noch so ferne,
Ich hab‘ dich ja so gerne,
Werd‘ balde bei dir sein!
Du bist auf ewig mein,
Ja mein!

Ludwig Pfau

Montagsgedicht: Joseph von Eichendorff – Neue Liebe


Eine neue Liebe, das war auch mein Grund, warum es um mich ein wenig still geworden war im letzten halben Jahr. Nach Umzug und Arbeitssuche kommt jetzt mein Leben wieder ein wenig zur Ruhe.

Herz, mein Herz, warum so fröhlich,
So voll Unruh und zerstreut,
Als käm über Berge selig
Schon die schöne Frühlingszeit?

Weil ein liebes Mädchen wieder
Herzlich an dein Herz sich drückt,
Schaust du fröhlich auf und nieder,
Erd und Himmel dich erquickt.

Und ich hab die Fenster offen,
Neu zieh in die Welt hinein
Altes Bangen, altes Hoffen!
Frühling, Frühling soll es sein!

Still kann ich hier nicht mehr bleiben,
Durch die Brust ein Singen irrt,
Doch zu licht ist’s mir zum Schreiben,
Und ich bin so froh verwirrt.

Also schlendr‘ ich durch die Gassen,
Menschen gehen her und hin,
Weiß nicht, was ich tu und lasse,
Nur, daß ich so glücklich bin.

Montagsgedicht: Franziska Stoeklin – Seele der Liebenden


Heute mal ein bisschen Herz-Schmerz zum Montag:

Seele der Liebenden

Einmal schon liebte ich dich
Und das Meer, das Meer.
Doch lichter waren damals
Die Seelen, ungetrübt
Von dunklen Taten.
Es sangen unsere Liebe
Strahlend die Sterne,
Und das Meer, das Meer.
Wieviel hundert Jahre
Sind seitdem vergangen,
Wieviel Leiden und Tode
Und Sterne. Wo blieben
Die Seelen so lange?
Wir halten uns schweigend
Die schauernden Hände.
Wir blicken uns tief
In die fragenden Augen.
Noch singen die Sterne
Und das Meer, das Meer.
Aber unfaßbar ewig
Ist die Vergangenheit
Der menschlichen Seele.

Franziska Stoecklin 1894 – 1931

Montagsgedicht: Christian Morgenstern – Der Morgen


Und täglich grüßt das Murmeltier und der Montag Morgen! Schöne Woche meine Lieben!

Der Morgen

Der Morgen drängt sich scheu mir in die Arme,
der blasse, den noch fröstelt im Gelände,
und schmiegt die kühlen Rücken seiner Hände
ans Herz mir, dass mein Blut sich sein erbarme.

Und erst entweicht, dann wiederkehrt das warme
und weiht ihm willig die begehrten Brände …
Doch schon erblickt er fahl der Kammer Wände –
und lässt mich wieder, nach dem kurzen Harme.

Und siehe da, wer war’s, den seine Nöte
mir zugetrieben oder sein Gelüst,
wer war der Knabe blass, den ich enthärmte?

Es war die hohe Jungfrau Morgenröte,
die sich an mir die jungen Glieder wärmte –
und mich nun leuchtend auf die Augen küsst!

Christian Morgenstern