Kurzgeschichte: Die Braut


Die Braut

Sie ging durch die Strassen, bemerkte nicht den Schatten, der ihr folgte. Sie hatte es getan, schon wieder. Es war bereits das zweite Mal in dieser Woche, sie fühlte sich nicht schuldig. Sie fühlte sich befreit. Mit schnellem Schritt lief sie an den Einkaufsläden vorbei, kein Blick ins Schaufenster, der ihr verraten hätte: Du bist nicht allein!

In ihrer Wohnung ließ sie ihren Mantel und ihre Tasche einfach auf den Boden gleiten, seufzend fiel sie auf die Couch, schaltete den Fernseher an. Es war schon auf mehreren Nachrichtenkanälen das Thema Nummer eins. Liveberichterstattungen vom Ort des Geschehens liefen über den Bildschirm. Sie griff zur Weinflasche und nahm direkt einen Schluck. Ihr Blick wanderte zu einer Tafel, die sie vor der Balkontür positioniert hatte. Einmal, nur noch einmal musste sie es tun.

Er war ihr wieder gefolgt, wie bereits beim ersten Mal. Sie hatte ihn nicht bemerkt. Was sie getan hatte, faszinierte ihn. Er musste sie haben, ein Teil seiner Sammlung werden. Es gab soviele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen, sie würde die richtige Braut sein. Alle anderen hatten versagt und seine Prüfungen nicht bestanden, aber sie. Sie wird es.
Sie hatte eine unruhige Nacht hinter sich, immer wieder erlebte sie ihre Taten aufs Neue. Schweißgebadet erwachte sie aus ihren Träumen. Wenn sich jetzt das schlechte Gewissen melden sollte, hatte sie verloren. Sie musste es zu Ende bringen. Unbestraft kommen sie nicht davon.

Ihre Pein jährte sich jetzt zum fünften Mal, endlich hatte sie die Kraft und den Mut gefunden, sich ihren Vergewaltigern gegenüberzustellen, sie zu quälen, sie weinen zu sehen. Zwei von ihnen hatten es schon hinter sich. Sie hoffte der dritte im Bunde würde nicht allzu intensiv die Nachrichten verfolgen, deswegen musste sie sich beeilen. Schon in der kommenden Nacht würde auch der Letzte für sein Verbrechen mit seinem Leben bezahlen müssen. In den letzten Monaten hatte sie jeden Schritt der Drei verfolgt, jeden Tagesablauf, jede Gewohnheit kannte sie auswendig. Heute würde sie ihn abfangen, nach seiner Sauftour mit seinen Kumpels.

Er sah, wie sie sich auf den Weg machte und hängte sich an ihre Fersen, immer ein wenig mit Abstand natürlich. Seine Hände waren kalt und nass geschwitzt, der Puls lag bei 180. Die Vorfreude stieg ins Unermessliche.

Sie hatte ein komisches Gefühl heute bei der Sache, sie fühlte sich nicht stark genug, irgendwas Beunruhigendes lag in der Luft. Sie blickte sich um, aber zu sehen war niemand. Sie musste ruhig bleiben und sich konzentrieren, es darf ihr kein Fehler unterlaufen. Und da sah sie ihn, ihren letzten Peiniger. Wankend schritt er mit seinen Kumpels aus seine Stammkneipe, verabschiedete sich grölend und lautstark und torkelte in Richtung Kaufhaustiefgarage. Da parkte er immer. Typisch, dachte sie nur. Immer fuhr er betrunken und kam ungestraft davon, doch heute sollte nicht sein Glückstag sein. Sie umschloss fester ihre Tasche und spürte die Form der Halbautomatik. Sie atmete tief durch und folgte ihm. Jetzt war es soweit.

Er konnte förmlich ihre Anspannung riechen und das jagte ihm einen genussvollen Schauer über den Rücken. Bald würde sie zu ihm gehören, an seiner Seite, mit ihm arbeiten. Zusammen werden sie der Welt die Gerechtigkeit zurückgeben. Er sah, wie sie sich ihrem Opfer näherte, jetzt musste er langsam eingreifen.

Mit leisen Schritten kam sie diesem scheiß Typen immer näher, sie vernahm den penetranten Körpergeruch und die süßliche Alkoholfahne. „Das waren Deine letzten Gläser Bier und Schnaps, Du Schwein!“ Schwankend und erschrocken drehte sich der Peiniger zu ihr um. Sein Blick verriet, dass er absolut keine Ahnung hatte, wer da vor ihm stand. „Du kannst Dich also nicht erinnern? Das macht nichts, musst Du auch nicht, denn Dein Leben wird heute hier enden.“ Er lachte nur und taumelte mit geballten Fäusten auf sie zu. Die Pistole lag gut und schnell in ihren Händen, bei diesem Anblick stoppte er und hob die Hände. „Hast Du Angst? Die siehst aus als hättest Du Angst! Das ist gut, ich mache nämlich keine Scherze. Ich habe jetzt fünf Jahre darauf gewartet und nun wirst Du Deine zwei anderen Kollegen besuchen, in der Hölle.“ Sie entsichert die Pistole und drückt bereits den Abzug, als sich von hinten eine Hand auf ihre Schulter legt. Erschrocken fährt sie herum, doch der Angreifer bringt sie zu schnell in seine Gewalt, dass eine Gegenwehr völlig ausgeschlossen ist. „Lauf schon, Du Depp, oder willst Du wirklich sterben?“ Das hört sie als letztes, bevor es schwarz um sie herum wird.

 Musik? Was ist das für Musik? Langsam öffnet sie die Augen, verschwommen erscheint vor ihr eine lange Tafel, gedeckt mit den feinsten Köstlichkeiten. Was zum Teufel…? Von rechts nimmt sie eine Bewegung wahr, doch sie kann sich nicht soweit drehen, dass sie die Person erkennen kann. Die Schritte nähern sich, vor ihr baut sich ein circa 190 cm großer Mann auf. Sie schätzt ihn auf Mitte dreißig, sehr attraktiv mit einem stechenden Blick. „Ich hoffe, Du hast Hunger mein Liebling?“ Einfühlsam berührt er sie mit seinen Fingern im Gesicht und streichelt ihre Wange. Sie hätte auf ihr Gefühl hören und umkehren sollen, als es noch nicht zu spät war. Nun saß sie fest. Was wollte der Kerl? „Gefällt Dir Dein Kleid? Ich habe es lange aufgehoben, Du bist die Richtige. Ich freue mich, Dich hier zu haben.“ Erst jetzt sah sie an sich herab und erschrak. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr. Sie trug ein Brautkleid, doch war es nicht mehr weiß, überall waren Blutflecken und Blutspritzer verteilt, teilweise ausgeblichen. Er hatte es gewaschen, aber die Flecken sind geblieben. Oh, verdammt, heilige Scheiße, dachte sie sich. „Es ist wunderschön!“ Doch das Zittern in ihrer Stimme verriet ihre wahre Emotion.

„Lüg nicht!“ schrie er sie an. Doch im nächsten Moment war er wieder der liebe Kerl. „Entschuldige meinen Ausbruch Schatz, schade, dass es Dir nicht gefällt, aber tragen musst Du es trotzdem! Und jetzt essen wir erstmal.“

Mit festem Griff packte er sie und zehrte sie vom Stuhl. Er zog sie regelrecht hinter sich her. Die Nervosität und Angst in ihr stieg. Musste sie jetzt sterben, doch noch bezahlen, dafür dass sie für sich Gerechtigkeit wollte? Er öffnete eine Doppeltür zum nächsten Raum. Zunächst blendete sie das Kerzenlicht, dann vernahm sie den üblen sauren Geruch. Sie musste würgen und übergab sich fast. „Hat Dir das Essen nicht geschmeckt Schatz? Ich hab es doch nur für Dich kommen lassen.“ Er zog sie weiter in den Raum, der Geruch wurde immer schlimmer und beißender. Dann sah sie auch den Grund. Vor ihr ein großer Altar geschmückt mit Bildern von vielen verschiedenen Frauen in unterschiedlichen Alltagssituationen. Und diese Frauen saßen rechts und links neben dem Gang auf Stühlen, aber nicht lebendig, sondern tot. Sie starrten mit leeren ausdruckslosen Augen vor sich hin.

Jetzt schrie sie, sie schrie um ihr Leben, versuchte sich aus dem Klammergriff des Wahnsinnigen zu befreien um zu entkommen, doch dieser ließ natürlich nicht los. Im Gegenteil er zog sie jetzt noch fester an sich und weiter zum Altar. „Ich hatte gedacht, Du bist endlich die Richtige, doch Du führst Dich auf wie die Anderen. Ich muss wohl weitersuchen.“ Sie sah nur noch das Aufblitzen der Messerscheide und spürte den Schmerz in der Brustgegend.

 Seufzend und mit Tränen in den Augen nahm er den erschlafften Körper und setzte ihn auf einen der noch freien Stühle. Jetzt waren 15 besetzt. Irgendwann wird sie dabei sein, denkt er sich und schließt die Türen.

Fortsetzung folgt!

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