Kurzgeschichte: Steffi Schaaf, Märchen – Allerlei


Märchen – Allerlei

Kathi hockt gelangweilt auf ihrem Bett und schaut sich zum wiederholten Male ihren Lieblingsfilm „Hänsel und Gretel“ an. Sie mag die koreanischen und japanischen Horrorfilme am liebsten, weil sie weniger gestellt wirken. Es sind Herbstferien, die ersten Blätter fallen bereits von den Bäumen und sie weiß, wie jeden Tag, mal wieder nichts mit sich anzufangen. Ihr Bruder Hans ist eine Nervensäge und ihre Mutter scheint es heute ganz besonders auf sie abgesehen zu haben. Ständig schneit sie ins Zimmer.
„Kathi, willst du nicht langsam mal aufstehen? Ich bräuchte in der Küche wirklich deine Hilfe.“
„Och, kann der Kleine nicht helfen?“ Genervt erhöht sie die Lautstärke des Filmes.
Nach einer halben Stunde klopft es wieder an die Tür.
„Ich brauch für den Kuchen unbedingt noch ein paar Eier. Ich habe Oma Hilde bereits angerufen. Kannst du schnell rüber radeln und sie holen? Bitte!“

Kathi rollt mit den Augen.
„Warum kann das der Hans nicht machen? Sein Rad ist nicht so ein Mistding wie meins.“
„Er hilft deinem Vater schon und ein bisschen Bewegung könnte dir echt nicht schaden, junge Dame. Du bist ja eh schon eins mit deinem Bett. Ich geb dir zehn Minuten.“
Super, denkt sich Kathi, der Tag ist dann wohl gelaufen. Mühsam erhebt sie sich, krallt sich die nächstbeste Hose aus dem Regal, schnüffelt kurz an dem T-Shirt, das über dem Stuhl hängt und befindet beide Sachen als gut genug, um sich auf den Weg zu machen. Schließlich würde sie ins Schwitzen kommen.

„Bis später!“ Sie verabschiedet sich von ihrer Mutter und trottet verdrossen zum Fahrradschuppen. Verflucht, jetzt hat dieses blöde Ding auch noch einen Platten, denkt sie sich verärgert und greift zur Luftpumpe. Wenigstens regnet es nicht.
Sie hat immerhin Glück, einen der tollen Spätsommertage zu erwischen. Zur Oma sind es gerade mal zehn Kilometer, die meiste Zeit geht es durch einen Wald, also kann sie sich Zeit lassen und muss nicht so hetzen. Mama kann ruhig ein bisschen warten.

Oma Hilde hat es sich in ihrem Garten gemütlich gemacht. Als Kathi mit dem Rad um die Ecke kommt, winkt sie ihr schon entgegen. Vor ihr auf dem Tisch hat sie eine Kanne Tee stehen und kleine leckere Schokobrownies. Oma ist einfach die Beste, denkt sich Kathi und begrüßt sie mit einem dicken Schmatzer auf die Wange.
„Kindchen, bist du aber groß geworden, aber so blass. Du brauchst mehr Sonne, Schätzchen.“
„Oma, wir haben uns erst letzte Woche gesehen, ich hab keinen Zentimeter dazugewonnen und Sonne schadet der Haut. Ich mag keinen Hautkrebs bekommen, ganz einfach.“
Zusammen sitzen sie in der wohligen Wärme, genießen doch ein paar Strahlen und essen genussvoll die appetitlichen Kalorienbomben. Geht es mir heute wieder schlecht.
„Ich glaube, deine Mutter möchte den Kuchen heute noch fertigbacken. Du solltest dich besser auf den Rückweg machen, mein Kind. Und pass auf dich auf, das du dich nicht verfährst.“
„Ich radle den Weg doch nicht zum ersten Mal!“ Immer diese Ermahnungen, bin doch kein kleines Kind mehr!

In ihren Gedanken verloren, was sie wohl an dem heutigen Tag noch machen wird, bemerkt Kathi nicht, dass sie einen Abzweig zu früh abbiegt. Ihr ist etwas mulmig und ihr Magen dreht sich in alle Richtungen.
Ich hätte nicht so viele von den Brownies essen dürfen, denkt sie sich. Und warum komme ich eigentlich nicht von der Stelle? Sie strampelt sich einen ab und hat das Gefühl, im Zeitlupentempo voran zu kommen. Ein kurzer Blick auf ihr Hinterrad verrät ihr auch den Grund.
„Scheiße, scheiße und nochmal scheiße“, flucht sie. „Warum denn ausgerechnet jetzt?“ Die halbe Strecke liegt noch vor ihr.
Sie schaut sich um und grübelt. Mist, diese Ecke kenn ich nicht, seit wann steht da eine Bank? Aber Bänke sind gut, sie deuten darauf hin, dass hier auch Leute entlanggehen. So falsch kann sie hier also gar nicht sein. Gut dann muss ich eben zu Fuß weiter.
Nach gefühlten Stunden vernimmt sie dann ein Geräusch. Eine Motorsäge? Dürfen hier in dem Wald Holzfäller roden? Aber vielleicht können sie ihr helfen und ihr den richtigen Weg deuten. Sie kommt dem Krach immer näher und erkennt sieben Männer, die sich im Unterholz und in den Gebüschen zu schaffen machen.
„Entschuldigung, ich habe mich ein wenig verfahren und mein Rad hat einen Platten. Können sie mir zeigen, in welcher Richtung Kaindorf liegt?“ Einer der Männer blickt zu ihr auf und winkt sie heran. Den anderen gibt er ein Zeichen, woraufhin diese ihre Arbeit niederlegen und nacheinander verschwinden. Komische Gestalten, denkt sich Kathi, aber einer reicht mir, wenn er mir den Weg zeigen kann.
„Da hast dich aber gut verfahren, junges Fräulein.“ Er deutet gen Westen. „Kaindorf liegt ca. 15 km in diese Richtung. Zu Fuß bist du da noch recht lang unterwegs. Wir haben hier in der Nähe einen kleinen Unterstand, vielleicht finden wir dort Werkzeug, um deinen Reifen zu reparieren.“
„Das wäre sehr nett von Ihnen, danke.“ Sie eilt dem Waldarbeiter hinterher. Das Rad über Stock und Stein zu hieven, ist für sie eine schweißtreibende Angelegenheit und sie ärgert sich, dass ihr niemand das Ding abnehmen will.

Sie kann das Hüttchen in der Ferne schon erkennen und so viel Kraft hat sie auch noch übrig, um diese zu erreichen. Als sie dem Gebäude näher kommen, traut sie ihren Augen nicht und wischt sich erst mal die Schweißtropfen aus den Gesicht. Waren das etwa Lebkuchen? Das kann doch nicht sein. Vor dem „Unterstand“ steht eine hässliche Kreatur. Beim näheren Hinsehen erkennt Kathi einen sehr deutlich hervorstehenden Buckel, ein paar Warzen im Gesicht und eine recht runzlige Haut. Oh mein Gott, denkt sie sich, was ist das denn? Sollte ich vielleicht doch gleich wieder umdrehen und das Weite suchen?
„Mädchen, du bist ja ganz fertig, komm rein und ich mach dir eine Tasse Tee zur Stärkung,“ sagt dieser „Mensch“ lächelnd mit sehr tiefer aber warmer Stimme. Der Waldarbeiter ist in der Zeit, ohne ein Wort zu sagen einfach weitergegangen. Sie stellt das Rad an die Seite und schreitet langsam auf das Haus und die Person zu. Beim Betrachten des Gebäudes stellt sie fest, dass es natürlich keine echten Lebkuchen sind, sondern Imitationen.
„Wir fanden es ganz witzig, das Haus so zu gestalten, es kommen hin und wieder auch ein paar Spaziergänger hier vorbei, die eine kurze Pause machen und es betrachten,“ erklärt der Fremde. Er hat ihren Blick wohl bemerkt.
„Mein Name ist Olivier de Neige, ich bin vor zehn Jahren aus Frankreich hier hergekommen. Ich betreue die Arbeiter, richte Essen und fahre sie umher.“
„Ich bin Kathi, ich wohne in Kaindorf, meine Mutter schickte mich zu meiner Oma, um etwas für sie zu besorgen.“
„Du bist schon eine Weile auf den Beinen, oder? Hast Du Hunger?“ Sie hört auf ihren Magen, der tatsächlich schon wieder grummelt, aber diesmal sehnt er sich wohl schon wieder nach Nahrung. „Wenn es Ihnen keine Umstände macht?“
„Keinesfalls. Stärke dich ein wenig für den Rückweg. Klaus sieht in der Zeit nach deinem Rad.“
Als ob er auf sie gewartet hätte, hat er binnen zehn Minuten ein ganzes Buffet zusammengestellt. Brot, Wurst, Salat, verschiedene Aufstriche, Wiener. Ihre Augen können sich gar nicht satt sehen. „Greif zu, ich hoffe es schmeckt.“ Wie in einem Delirium beginnt sie die Sachen nur so in sich hineinzustopfen. Sie bekommt einfach kein Sättigungsgefühl und es schmeckt zu gut, um aufzuhören. Olivier sitzt nur neben ihr und betrachtet sie, sagt kein Wort. Das ist okay, schließlich hat sie den Mund immer voll und somit keine Gelegenheit, um auf Fragen zu antworten.
„Madame de Neige, ich habe ein ganz besonderes Festmahl für sie vorbereitet. Ich freue mich auf ihren Besuch, Mutter.“ Träume ich, oder spricht der Bucklige tatsächlich mit einer Schüssel? Kathi hat sich so vollgefressen, dass sie das Gefühl hat, zu schweben, wie in einem Rausch. Das habe ich mir bestimmt nur eingebildet, oder? Sie ist verwirrt, aber zu müde, um weitere Gedanken an diesen Moment zu verschwenden.

Kathi liegt auf einer Pritsche als sie aufwacht. Erschrocken fährt sie in die Höhe, draußen ist es schon dunkel. Panisch schaut sie sich um, niemand befindet sich bei ihr in dem Raum. Sie will sich erheben, doch irgendwie ist sie schwerfällig und kraftlos. Sie blickt an sich herab und schreit.
„Was zur Hölle ist passiert?“ Sie kommt von der Pritsche einfach nicht runter, sie ist regelrecht bewegungsunfähig.
Ich muss aufwachen, denkt sie, das ist ein ganz schlechter Traum. Ich kann doch nicht innerhalb von ein paar Stunden 150 Kilo zugenommen haben. Das geht doch nicht! Wie soll ich denn hier rauskommen? Weit und breit ist doch hier keine Menschenseele. Sie blickt zur Decke mit Tränen in den Augen. Ich bin fett, richtig fett und schwabbelig. Nichts ist wie vorher, kein flacher Bauch, keine schlanken Oberarme mehr. Was wird mit mir passieren? Wo bin ich nur gelandet? Ist das mein Ende? Wie bei Hänsel und Gretel?

Die Antwort darauf bekommt sie schneller als ihr lieb ist. In dem Moment als sie zur Decke starrt, treten die sieben Waldarbeiter ins Haus, gefolgt von Olivier.
„Was haben sie mit mir gemacht? Wie lang bin ich schon hier? Was haben Sie vor?“ Schluchzend sitzt Kathi auf dem wackligen Bettgestell. Die Männer packen sie, ohne ein Wort zu verlieren und zerren mit aller Kraft, die sie aufwenden können nach draußen ins Freie. Selbst zu siebt haben sie kein einfaches Spiel. Kathi kann sich nicht wehren, sie hat keine Kraft und kann sich mit dem Gewicht einfach nicht bewegen. Sie schreit um Hilfe, doch im Prinzip weiß sie, dass es nichts bringen wird. Sie ist auf sich allein gestellt und ahnt nichts Gutes, als sie das Lagerfeuer und den Spanferkelgrill sieht. Allerdings fehlt das Ferkel. Sie können das doch nicht wirklich tun? Soll ich etwa das Festmahl werden? Verzweifelt versucht sie sich zu befreien. Doch die Kraft der Männer ist einfach zu groß. Olivier wetzt bereits die Messer und bereitet den Spieß vor, als hinter ihr eine weibliche Stimme ertönt.

„Kathi, Kathi, jetzt wach doch endlich auf! Ich hatte doch gesagt, du sollst in zehn Minuten unten sein. Ich wollte den Kuchen heute noch fertig machen und nicht erst nächste Woche.“ Kathi schießt in die Höhe und ist auf einmal hellwach.
„Was ist denn los, Kind?“
„Mama, ich hatte einen schrecklichen Traum. Können wir zusammen zur Oma fahren? Mit dem Auto?“

Vielen Dank an Kyra Cade für Verbesserungsvorschläge und Unterstützung!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s